Geschichte

Anfänge des Pilotprojekt "heizhaus"


heizhaus_ghost heizhaus – ein geisterhafter Zwischenstand / Video (vorübergehende Version #nofilter), Kamera: Flashfabrik / Schnitt: Walter/ Musik: Stadt aus Draht live /heizhaus on Vimeo.


Seit der Versteigerung der Quelle ist das Quellkollektiv in Verhandlungen mit dem portugiesischen Investor Sonae Sierra und der Stadt Nürnberg, um das ehemalige Heizhaus der Quelle, gegenüber des abgeriegelten Hauptgebäudes, für Werkstätten, Ateliers und Start-Ups nutzbar zu machen. Dieses Unterfangen gestaltet sich zäh – der Verein gerät als Spielball zwischen wirtschaftliche und politische Interessen, in den kräftezehrenden Prozess von Bauantrag bis hin zur Projektrealisierung. Dieser Zustand ist auch der ungewissen Zukunft des Hauptgebäudes zuzuschreiben. Doch in jüngster Zeit (08/2017) stehen die Sterne gut – das Heizhaus hat zwar mit einer Teilsperrung zu kämpfen, doch die Verhandlungspartner scheinen wohlgesinnt. Mehr hierzu unter "Projekte"(heizhaus). /S.Walter




09.06.2015 – Tag der Versteigerung


Ein weiterer schwarzer Tag in der Geschichte der Quelle. Das Ende des kreativen Zwischennutzes ist nun Gewissheit. Mit dem Höchstgebot von 16,8 Millionen Euro wird die Quelle, mit einer Gesamtfläche von 253.000m2, an den portugiesischen Investor Sonae Sierra verkauft. Die Verträge laufen sechs Monate später aus und die 180 Mieter des Hauses brauchen schnell eine Lösung. /S.Walter

Versteigerung der Quelle Trauerfeier der Quelle Zeichnung: Lukas Taschler live in der Quelle-Mensa Foto: Nürnberger Nachrichten



Trauerfeier der Quelle

Die große Leere

Peter Kunz An der Fürther Straße in Nürnberg steht die große Leere. Ein denkmalgeschützter Gigant von europäischem Rang aus Backstein, Glas und Beton, ein Haufen deutscher Geschichte im schicken Gewand des Fünfzigerjahre-Funktionalismus: das ehemalige Versandzentrum der Quelle. Zusammen mit dem Flughafen Tempelhof in Berlin ist es das größte leerstehende Gebäude der Republik – beide kommen auf je eine Viertelmillion Quadratmeter. Das Quelle-Gebäude ist nicht nur das vielleicht bedeutendste Monument des Wirtschaftswunders, ganz nebenbei ist es Zeuge und Mahnmal der größten deutschen Unternehmenspleite der Nachkriegsgeschichte. Die Tragödie des Großversandhauses bietet alles, was ein gescheiter Mythos braucht: kometenhafter Aufstieg, Hybris, Untergang und nicht zuletzt die Familiensaga des Schickedanz-Clans. Für mich ist die Quelle-Story auch eine ganz persönliche Geschichte. Praktisch von der Wiege an hat der Konzern mit der „helfenden Hand“ im Logo immer wieder meinen Weg gekreuzt. Das hat zunächst damit zu tun, dass ich Fürther bin und man der Quelle und ihrem Erbe dort und in Nürnberg überall über den Weg läuft. Als ich 1972 geboren wurde, wohnten wir in Fürth-Dambach, vis-à-vis des riesigen Schickedanz -Anwesens. Ein von einer roten Steinmauer umgebener 70.000-Quadratmeter- Park mit altem Baumbestand und einer stattlichen Villa. Jeden Tag fuhr Versandhauskönig Gustav Schickedanz an unserem Haus vorbei. Einmal ließ er seinen Chauffeur anhalten, unterhielt sich mit meinem Vater, der gerade die Straße kehrte und lud uns Kinder in seinen riesigen Park ein. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern, aber mein Vater hat es mir einmal erzählt. Und dass der Schickedanz ein ganz bescheidener Mann gewesen ist, der immer vorne neben seinem Fahrer saß und eben ein Herz für Kinder und kleine Leute gehabt hätte, weil er selber aus ganz einfachen Verhältnissen stammte und das nie vergessen hat. Heute wohne ich in einem Haus, das früher der jüdischen Familie Spear gehörte. Bei Spear & Söhne, einst größter Spielwarenhersteller im Deutschen Reich, absolviert der fünfzehnjährige Gustav Schickedanz eine kaufmännische Lehre. Gerade mal hundert Meter von meinem Haus liegt die ehemalige Hauptverwaltung von Quelle – auch dieses Haus hatte mal jüdische Eigentümer. Zielstrebig, sparsam, fleißig – aber nahbar und uneitel: Gustav Schickedanz gilt fast 40 Jahre nach seinem Tod immer noch als so etwas wie ein Stadtheiliger in Fürth und Nürnberg. Er und seine Frau Grete gehören zu den Hauptprotagonisten des deutschen Wirtschaftswunders. Gemeinsam bauen sie das größte Versandhaus Europas auf. Gustav Schickedanz gründet den Quelle-Versand 1927 mit wenig Geld und einer guten Geschäftsidee: Den Endverbraucher auf dem flachen Land per Paket „direkt von der Quelle“ zu Großhandelspreisen beliefern. Das junge Unternehmen aus Fürth gehört zu den wenigen Gewinnern der Weltwirtschaftskrise. Während Millionen arbeitslos werden und der Einzelhandel mit massiven Einbußen kämpfen muss, verbucht der Quelleversand durch besonders günstige Preise und kluges Marketing zweistellige Zuwachsraten. Aber Schickedanz kann nicht nur billig: er bietet außerdem ein bedingungsloses Rückgaberecht mit Geld-zurück-Garantie. Sein Versandhandel brummt, auch und gerade in der Krise. 1928 werden 30.000 Preislisten verschickt, 1932 schon 150.000. Unterm Hakenkreuz laufen die Geschäfte sogar noch besser, 1938 hat Quelle einen Stamm von über zwei Millionen Kunden. Schickedanz beginnt bald nach der Machtübernahme Unternehmen und Immobilien aufzukaufen, vor allem von jüdischen Unternehmern, die durch Diskriminierung und Terror gezwungen sind, Deutschland zu verlassen. Später stellt die Familie ihre Verwicklung mit den Nazis gerne als Unternehmens-Raison und unausweichlichen Zwang dar, die Wahrheit ist allerdings, dass Gustav bereits 1932 auf die dunkle Seite der Macht setzt und in die NSDAP eintritt, vorsorglich weit weg von Fürth, im Schwäbischen. Sein Kalkül geht auf und bald sitzt er als Ratsherr im Fürther Rathaus und ist bestens vernetzt mit den neuen Machthabern. Dank erfreulich niedriger Schätzwerte kann er Firmen, Grundstücke und Häuser weit unter ihrem eigentlichen Wert kaufen – etliche Erwerbungen bezahlen sich quasi von selbst. 1938, nach den Novemberpogromen, als die zweite Phase der „Arisierungen“ für Schlussverkaufstimmung im totalitären Deutschland sorgt, ist er bereits der größte Steuerzahler in Fürth. Juden werden vom NS-Staat endgültig aus dem Wirtschaftsleben gedrängt. Wieder nutzt Schickedanz die Gunst der Stunde und geht auf große Einkaufstour. Dabei kommt er in den Besitz von Brauereien, Fabriken und Nähereien und den Vereinigten Papierwerken mit ihren wertvollen Marken Tempo und Camelia. Bis zu 80 Prozent seines Vermögens nach dem Krieg dürfte aus Arisierungen stammen. Nach dem Krieg wird Schickedanz als prominenter Nutznießer des NS-Regimes verhaftet und mit Berufsverbot belegt. Vorausschauend hat er bereits im Krieg fast alle Sachwerte der Firma auf Familienmitglieder und Vertraute überschrieben – angeblich um sein Eigentum vor den Nazis zu schützen. Nun haben ihn die Amerikaner im Visier, die überlebenden Opfer wollen Gerechtigkeit. Schickedanz sieht sich zu Unrecht beschuldigt und aus dem eigenen Unternehmen gedrängt. Eine der St. Gustav-Legenden aus dieser Zeit behauptet, dass der Firmengründer nun als Zwangsarbeiter im eigenen Unternehmen an der Nähmaschine schuften muss. Das eigentliche Entnazifizierungsverfahren findet in der lokalen Spruchkammer statt. Schickedanz ist ein angesehener Bürger, ja eine Honoration und einer der größten Arbeitgeber in der Region. Haufenweise "Persilscheine" zu generieren, ist für ihn kein Problem. Er hat einflussreiche Fürsprecher, wie seinen ehemaligen Mitschüler Ludwig Erhard, den späteren Wirtschaftsminister und Bundeskanzler. Das wiegt schwerer als die belastenden Aussagen der Geschädigten. Als Mitläufer durchgewunken kommt er 1949 rechtzeitig zum Wirtschaftswunder mit blütenweißer Weste aus dem Spruchkammerverfahren. Gustavs zweite Frau Grete hat währenddessen begonnen, den Versandhandel wieder aufzubauen. Sie hat als Lehrmädchen bei der Quelle angefangen, wird nach dem tragischen Tod von Gustavs erster Frau seine unentbehrliche Mitarbeiterin, Vertraute, Geliebte und schließlich im Kriegsjahr 1942 seine Ehefrau. Die Quelle erholt sich rasch von Kriegsschäden und Entschädigungszahlungen. Mitte der 50er Jahre kann das Fürther Großversandhaus die Flut von Bestellungen der konsumwütigen Westdeutschen kaum mehr bewältigen, besonders in der Vorweihnachtszeit geht es drunter und drüber. Gustav und Grete Schickedanz beschließen, nicht mehr zu kleckern, sondern zu klotzen. Nicht in Fürth, sondern jenseits der Stadtgrenze, auf dem Gelände des früheren Nürnberger Volksfestplatzes an der Fürther Straße baut Schickedanz von 1954 bis 1964 das größte und modernste Versandzentrum Europas. Die Technik im Inneren des 250.000 m2 großen Konsumkraftwerks ist eine unerprobte Neuentwicklung: Warenlager und Versand sind durch vollautomatisch gesteuerte Paternoster und endlose Fließbändern miteinander verbunden. Leistungsfähigkeit und Automatisierungsgrad sind für damalige Verhältnisse konkurrenzlos: Bereits nach Inbetriebnahme des ersten Bauabschnitts 1956 spuckt die gigantische Logistikmaschine im Sekundentakt Pakete mit bis zu einer Million Artikel pro Tag aus. Die Quelle erfüllt alle Konsumträume der Deutschen, seit Mitte der 50er Jahre erscheint zweimal im Jahr der legendären Hauptkatalog, dazu kommen unzählige Sonderkataloge. Es gibt fast nichts, was man nicht bei Quelle kaufen kann: Mode, Haushaltswaren, Fernseher, Kühlschränke, Fertighäuser, Reisen, Haustiere. In den behäbigen Fünfzigern dauert die Bearbeitung einer Sendung vom Bestellungseingang bis zum Versand nicht länger als sechs Stunden. Eine Performance, die zumindest locker mit Amazon mithalten könnte – allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass die Quelle der Wirtschaftswunderzeit ihre Leute sehr gut bezahlt. Auch das ist Teil der widersprüchlichen Persönlichkeit des Quelle-Patriarchen: „Beim Schickedanz“ zu arbeiten gilt als privilegierte Lebensanstellung mit vielen Vergünstigungen und außergewöhnlichen Sozialleistungen. Schickedanz kann gute Löhne zahlen, weil er auf Automatisierung setzt und als erster deutscher Unternehmer geradezu revolutionär von elektronischer Datenverarbeitung Gebrauch macht. Von Anfang an verrichten bei der Quelle „Elektronengehirne“ ihren Dienst – die modernsten auf dem Weltmarkt und die größten, die kommerziell genutzt werden. Das Quelle-Gebäude ist das größte nicht-institutionelle Datacenter des Kontinents! Eine Inventur, die vorher Wochen gedauert hätte, ist nun jederzeit per Knopfdruck möglich. Per Telefonleitung sind alle Kassen, jedes Kommissionierungsterminal, das riesige Warenlager und die mehrere Millionen Einträge umfassende Kundenkartei mit dem Zentralrechner verbunden. Das Internet avant la lettre, sozusagen. Und ein Rationalisierungsschub den die Quelle durch noch niedrigere Preise an ihre Kunden weitergeben kann. Dass 50 Jahre später kein Tröpfchen dieser Innovationskraft mehr im Unternehmen steckt, ist wohl der wahre Grund für den Untergang der Quelle. Das Versandzentrum ist der Entwurf eines der wichtigsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts: Ernst Neufert, einer der ersten Bauhausschüler und später Mitarbeiter von Walter Gropius. Er ist ein großer Freund von Normteilen und vertritt einen funktionalistischen und modernistischen Stil in Bauhaus-Tradition, der zwar wenig mit dem „völkischem Stil“ und den monumentalen Repräsentativbauten der Nazis gemein hat, für Industriebauten aber durchaus toleriert wird. Jenseits von menschlichem Maß ist sein Bau dennoch, Neufert war eben auch Mitarbeiter von Albert Speer. In Nürnberg stellt Neufert ein streng-funktionalistisches aber nicht unelegantes Gebäude hin, das dem Betrachter selbst erklärt, was es tut: Hinter den durchgehenden Fensterbändern, gut sichtbar von der Fürther Straße, laufen in emsiger Betriebsamkeit die unendlichen Kolonnen Quelle-Pakete wie durch ein riesiges, 200m langes Schaufenster. Wie weitläufig dieses Labyrinth von kolossalen Hallen, unzähligen Treppenhäusern, Innenhöfen, endlosen Kellern, Aufzügen, Sälen, Besprechungszimmern und Büros wirklich ist, erschließt sich von außen nicht. Denn gemessen an seiner Größe sieht das Gebäude erstaunlich kompakt aus. Die Männer der früheren Quelle-Werksfeuerwehr – manche haben jahrzehntelang hier gearbeitet – sind die einzigen, die sich wirklich auskennen und so gut wie alle Räume einmal von innen gesehen haben. Sie erzählen die Legende vom Coca-Cola Mann, der an einem Freitagnachmittag Automaten im Haus auffüllen sollte und sich verirrte. Nachdem er sich stundenlang in endlosen Hallen, Treppenhäusern und Korridoren, mit Türen, die sich nur von einer Seite öffnen lassen, verrannt hatte, schlug er einen Feuermelder ein – damit er gefunden wird. Sie erzählen auch von Gustav Schickedanz’ Chefbüro, in dem es einen geheimen, von innen versperrbaren Fluchtraum gibt. Ob Gustav Schickedanz, der Bücher liebte und aussah, wie der gute Onkel aus einem Jugendfilm der 60er Jahre, Angst hatte, die Geister der Vergangenheit könnten ihn einholen? Nach wie vor ist dieser verlassene Palast des Minos ein Symbol für die Visionäre Grete und Gustav Schickedanz – aber er erzählt auch von der Hybris ihrer Epigonen, die das Milliarden-Erbe verzockten. Diese Viertelmillion-Quadratmeter-Leere, ziemlich genau zwischen Nürnberg und Fürth gelegen, hat etwas Unheimliches, Bedrückendes. So empfinden das viele, die dort gearbeitet, eingekauft haben, die wissen, welche Geschäftigkeit dort einmal geherrscht hat. Diese Leere ist die Erinnerung an das Ende. Grete Schickedanz stirbt 1994 und hinterlässt einen ziemlich verbastelten, aber profitablen Mischkonzern. Die Wiedervereinigung und den triumphalen Einzug des Quelle-Katalogs in die Haushalte der ehemaligen DDR, erlebt sie noch mit. Danach regieren selbstgerechte Manager, erst von Gretes, dann von Tochter Madeleine Schickedanz' Gnaden, lassen das Kerngeschäft des Konzerns, den Versandhandel, jahrzehntelang uninspiriert weiterdümpeln und verwenden ihre Energie darauf, Unternehmen zu kaufen, zu verkaufen, auch mal zu verschenken. Um ihre Spielchen zu finanzieren, wird immer wieder Tafelsilber aus dem umfangreichen Immobilienportfolio versetzt, damit die Zahlen des operativen Geschäfts stimmen. Die Veränderungen im Versandgeschäft verpennt man sehenden Auges zu einer Zeit, als man Amazon und ebay noch aus der Portokasse hätte kaufen können. Statt den Versandhandel wieder auf Kurs zu bringen, werden weiter Unternehmen zugekauft, andere unter hohen Verlusten abgestoßen. 2006 zieht Vorstandsvorsitzender Thomas Middelhoff den letzten Fallschirm der Quelle: er verkauft alle noch vorhandenen Immobilien, um sie dann für 300 Millionen Euro pro Jahr zurückzumieten. Die Quelle ist jetzt völlig ohne weitere Sicherheiten im freien Fall. Ich bin damals ein kleiner freiberuflicher Fotograf und fotografiere in meinen Semesterferien für den Katalog Nützliches und Absurdes, oft ziemlichen Müll: Pressspanmöbel, Sofaüberwürfe in Hamsterfellimitat-Optik, Waschmaschinen, Gartenzwerge, Inkontinenzhosen für Senioren – was die Leute eben so kaufen. Ich bleibe nicht bis zur Götterdämmerung. Da winkt schon lange nicht mehr die gute alte „helfende Hand“ vom Quelle-Turm, dem 90 Meter hohen Wahrzeichen des Nürnberger Westens, sondern ein panisch Modernität heischendes @-Zeichen. Der Karstadt-Quelle-Konzern, der nach einem Feuerwerk betriebswirtschaftlicher Nebelgranaten inzwischen Arcandor heißt, wird völlig zu Recht zum „unfairsten Arbeitgeber“ Deutschlands gewählt. Die Versandsparte heißt auch nicht mehr Quelle, sondern Primondo. Während die Mitarbeiter und Lieferanten darauf eingeschworen werden, Opfer zu bringen, verjettet Thomas Middelhoff 800.000 Euro Reisespesen im Jahr. Panik gibt es bis zuletzt erstaunlich wenig auf dem sinkenden Schiff. In den gut befestigten, beratungsresistenten Erbhöfen aus Schickedanz-Zeiten hat man sich schon lange gemütlich eingerichtet und daran gewöhnt, Palastrevolutionen einfach auszusitzen. „Die Quelle wird es immer geben“, da ist man sich sicher. Wie ernst die Lage wirklich ist, kommt bei denen, die es wissen sollten, anscheinend zuletzt an. Das gilt auch für Madeleine Schickedanz, die ihre tragische Fallhöhe bis zum bitteren Ende stetig erhöht und in Nibelungentreue zum Erbe ihrer Eltern das eigene Milliardenvermögen in ein Fass ohne Boden wirft. Warum sie – bekannt als große Schweigerin – nach der Pleite ausgerechnet der BILD-Zeitung ein Interview gibt und sich verhöhnen lässt, wird wohl für immer ihr Geheimnis bleiben. Mit einem Riesenknall implodiert Arcandor im Oktober 2009, praktisch über Nacht. Um die Quelle gibt es keinen Kampf, keine Mahnwachen wie bei der AEG-Schließung, nur ein paar letzte Zuckungen. Die Finanzkrise wirkt sich fatal auf die verschlungenen Finanzierungskonzepte aus, die wie ein Kartenhaus zusammenstürzen. "Too big to fail" gilt nicht mehr. Wirtschaftsminister zu Guttenberg ist es zudem eine Herzensangelegenheit, Staatshilfe für den Konzern zu verhindern. Er ist es, der dem Erbe von Gustav Schickedanz kurz vor der immer noch möglichen Rettung den Todesstoß versetzt. Für die Region ist das der größte ökonomische Schock der Nachkriegszeit. Einer der wichtigsten Arbeitgeber, Kunden und Mäzene in Nürnberg und Fürth ist plötzlich einfach weg. Das technisch wie architektonisch wegweisende Versandzentrum ist 2009 schon lange kein Versandzentrum mehr. Viele der riesigen Hallen stehen bereits damals seit Jahren leer. Mitte der Neunziger hat die Quelle ein noch gigantischeres Logistikzentrum in Leipzig in Betrieb genommen, das nie voll ausgelastet sein wird – noch so ein Milliardengrab. In die über 30 Quelle-Standorte in Nürnberg und Fürth ziehen Büros, Eigentumswohnungen, Altersheime, Gewerbeparks und Behörden ein. Das symbolträchtigste Gebäude liegt dagegen noch zum großen Teil im Dornröschenschlaf und wird zum Zankapfel der Politik. Rechtzeitig zur Kommunalwahl 2014 ist um das Quelle-Areal dann ein neues Drama entbrannt. Und wie im antiken Theater folgt auf die Tragödien die Hanswurstiade: Die Stadt möchte das Gebäude erhalten, will es aber nicht kaufen. Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) verhandelt mit Investoren und hätte am liebsten auch Institute der Friedrich-Alexander-Universität im Gebäude untergebracht. Das würgen Söder und Spähnle ab, weil "klar ist", dass das Gebäude dafür nicht geeignet ist, obwohl es eigentlich gar keine Machbarkeitsstudie gibt. Die Uni zieht gegenüber, "auf AEG" ein, diese Kröte muss OB Maly kurz vor der Wahl noch schlucken. Vor allem schürt Söder Angst vor finanziellen Verpflichtungen, die auf den Freistaat zukommen könnten – und fordert nichts weniger als den Abriss des denkmalgeschützten Versandzentrums. Ob ein Bau wertvoll ist, hat erfahrungsgemäß wenig mit dem ästhetischem Empfinden der Bevölkerungsmehrheit zu tun. "Das Quelle-Gebäude ist vielleicht ein Gebäude, das in fünfhundert Jahren die ganze Welt hierhin lockt, weil es so einmalig ist." bemerkte Angelika Nollert, ehemalige Leiterin des Neuen Museum Nürnberg. Die Vorschläge von Heimatminister Söder, dem "Quelle-Mausoleum", wie er es dunkelromantisch nennt, mit der Abrissbirne zu Leibe rücken, stehen natürlich nie realistisch zur Debatte. Seine Position teilen allerdings nicht wenige. Söders Heimatministerium residiert übrigens in einem schicken, natürlich denkmalgeschützen Sep Ruf Gebäude, Baujahr 1951… Wer jetzt glaubt, Bulldozer und gesichtslose 08/15-Architektur seien eine Spezialität der CSU, muss nur ein paar U-Bahnstationen weiter in die SPD-regierte "Denkmalstadt Fürth" fahren. Dort entsteht gerade das Einkaufszentrum "Neue Mitte": Ein paar laufende Meter Schaufassaden, der Rest Glas und Metall – halt das gleiche wie überall. Dieser Entgleisung wurde unter eklatanter Missachtung von Denkmalschutz, Reputation und Selbstachtung ein halber Block Altbau geopfert, darunter das Parkhotel von 1905 mit exquisitem Neorenaissance-Festsaal. Dafür kann der Söder ausnahmsweise mal nichts. Seit 2011 arbeite ich im Quelle-Gebäude und fühle ich mich dort wie im Paradies. So geht es wohl jedem hier. Es ist ein surrealer Ort, manche gehen richtig weite Wege in ihr Atelier oder Büro, durch riesige, verlassene Hallen, benutzen Lastenaufzüge in die ein Auto passen würde. In den oberen Stockwerken überblickt man die ganze Stadt und die Fürther Straße, wo sich wohl bald wieder mal einiges verändern wird. Epische Pleiten sind nichts Neues hier an der Fürther Straße. Diese schnurgerade Chaussee zwischen den beiden bis heute eifersüchtelnden Schwesterstädten war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die meist befahrene Straße im Königreich Bayern. So kam es, dass hier 1835 die erste deutsche Eisenbahnlinie eröffnet wurde. Lange war die „Fürther" das Rückgrat der bayerischen Wirtschaft. Heute ist sie eher ein Friedhof der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte: Das riesige AEG-Werk, aus reiner Profitgier 2006 vom Mutterkonzern Elektrolux dichtgemacht. Triumph-Adler, einst größter Schreibmaschinenhersteller Deutschlands, Anfang der 80er noch Hoffnungsträger der deutschen PC-Industrie, abgewickelt 1994. Gleich dahinter die Kamerawerke Braun, die Fahrradfabriken Herkules und Wanderer und jenseits der Stadtgrenze, in Fürth, die Überreste der Grundig AG. Das Paradoxe an diesen katastrophalen Pleiten: aus der Asche der Großbetriebe haben sich überall deutlich gesündere, kleinteiligere Strukturen entwickelt. In den ehemaligen Triumph-, Grundig- und AEG-Komplexen sind heute Mittelstandszentren, Forschungseinrichtungen, Schulen, Künstler und Galerien. Der „tote“ Westen Nürnbergs blüht wieder auf. Aber eben nicht mit großindustriellen Monokulturen wie im 19. und 20. Jahrhundert. Wäre das nicht auch die Lösung für die Quelle, wenn man sich von der Vorstellung trennt, es gäbe die eine Nutzung für das Gebäude? Die Dachterrasse, wo früher die Camping-Ausstellung des Quelle-Kaufhauses stand, ist inzwischen ein Art Kleingartensiedlung geworden. Grafiker, Architekten, Künstler und Designer, schwingen sich aus in ihrer Pause aus Bürofenstern und bauen dort Gemüse an, grillen, genießen den Burgblick im Liegestuhl. In einer der großen, leeren Hallen spielen ein paar Quelleaner Tischtennis. Hipster werden gesichtet und irgendwann fällt dann sicher der Berlin-Vergleich. "Nürnberg hat die coolsten Ateliers der Welt." jubelt der BR, offenbar heilfroh, einmal etwas Positives aus Franken berichten zu können. Es würde Nürnberg gut stehen, hier einen Ort für Künstler und Kreativwirtschaft zu ermöglichen, der so viel kritische Masse erreicht, dass es richtig gut wird und man dort leben und arbeiten will. Zwar nennt sich die Metropolregion im Untertitel "Heimat für Kreative", in Wirklichkeit gehen aber gerade die Kreativen von hier weg: Weil's in München und Hamburg die besseren Jobs gibt und weil Berlin aufregender ist. Das muss aber nicht so bleiben. In der Quelle braut sich diese kritische Masse jedenfalls gerade zusammen. Dieser Artikel erschien zuerst im Frühling 2014 in MUH – Bayerische Aspekte, Heft 13 und wurde von mir geringfügig gekürzt und aktualisiert. pq Literatur: Hagen Seidel: Arcandors Absturz – Wie man einen Milliardenkonzern ruiniert (Campe, 2010) Nach wie vor sehr zu empfehlen! Ein großartiges Sachbuch und ein spannender und desillusionierender Wirtschaftsthriller. Gregor Schöllgen: Gustav Schickedanz: Biographie eines Revolutionärs (Berlin Verlag, 2010) Die peinlich apologetische Schickedanz Biografie ohne Fußnoten. Trotzdem lesenswert, weil Schöllgen bisher als einziger Zugang zum Schickedanz Archiv hatte. Matthias Henkel und Matthias Murko (Hrsg.): Meine Quelle – Geschichte eines fränkischen Weltkonzerns, (Ausstellungskatalog Museum Industriekultur Nürnberg, 2012) Schönes Bilderbuch zur Geschichte der Quelle.



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